Von #SchweizerAufschrei haben wir gelernt: Der weisse, heterosexuelle Mann hat ein Problem. Er ist in einer privilegierten Situation und sich dieser nicht bewusst. Darum versteht er nicht, warum Frau sich über sein Verhalten empört. Einzig klar scheint: Alles ist nicht gut und es lässt sich auch nicht so einfach korrigieren. Nicht, indem er etwas sagt, und schon gar nicht, indem er schweigt.
Mit der Summe aller Aufschreie haben wir eine Checkliste, wie Mann sich nicht verhalten soll. Vom physischen Übergriff bis zum Lob der hübschen Stifel. Alles wird im grossen Schreien als sexistisch ausgelegt – erdrückend undifferenziert.
Denn was die Nationalrätin stört, wenn nach einer Kommissionssitzung nicht ihr Referat sondern ihr Kleid(chen) gelobt wird ist, dass sie nicht ernst genommen wird. Was die junge Frau stört, wenn sie wegen einer Gruppe dubioser Gestalten nachts die Strassenseite wechselt ist, dass sie Angst vor Pöbeleien und physischer Gewalt haben muss. Was die Clubberin stört, wenn ihr auf der Tanzfläche aus dem Hinterhalt an den Hintern gegriffen wird ist, dass ihre körperliche Integrität nicht respektiert wird. Was die potentielle Nachfolgerin für den CEO-Posten stört, wenn ihre Karriere im Grosskonzern an die gläserne Decke stösst, ist die fehlende Chancengleichheit.
Zurecht!
Doch hört, hört! Beim Sexismus geht es nicht nur nicht um Sex, es geht auch nicht um das Geschlecht. Wie sonst erklärt frau es sich, dass auch Mann nachts aus Angst die Strassenseite wechselt, am Arbeitsplatz nicht ernst genommen wird, der falschen Relligion angehört oder zu einer Gruppe mit sexuellen Vorlieben jenseits der Norm gezählt und dafür verhöhnt wird? Dass auch Mann es nicht in den Regierungsrat schafft oder ins Top-Kader von multinationalen Unternehmen, ins Kanzleramt oder zum Präsidenten der Vereinigten Staaten? Und ob ihr es glaubt oder nicht: auch so mancher Mann fragt sich im Club «Drückt die jetzt schon wieder ihre Oberweite an mich, oder ist es hier einfach eng?»
Darum, liebe (und böse) Frauen, wenn ihr wirklich einen gesellschaftlichen Wandel wollt, dann sprecht mit (euren) Männern über eure Erlebnisse, aber sprecht auch über deren Erlebnisse. Ihre Ängste, Sorgen und Freuden werden euch bekannt vor kommen. Ihr werdet Parallelen finden und Allianzen schliessen. Denn diese sind dringend nötig.
Vor allem aber hört auf, Männern eine privilegierte Position zu attestieren. Ihr tut weder ihnen noch euch einen Gefallen. Auch wenn ihr glaub, sie mit schlauen Studien belegen zu können. Und selbst wenn es stimmt: Es führt zu nichts.



In etwas anderer Richtung möchte ich einhängen: Die Linie verläuft grundsätzlich zwischen oben und unten, nicht zwischen Frauen und Männern. Auch wenn oben mehr Männer sind und Frauenkampf selbstverständlich auch dann nötig ist, wenn die soziale Frage berücksichtigt wird! Im Club konnte man teils tatsächlich den Eindruck erhalten, es sei der Emanzipation zuträglich, wenn Frauen nun ebenfalls Karriere machen können; Hallo? Schon mal was von Kapitalismuskritik gehört? Oder davon, dass Veränderung und Partizipation von unten erstritten werden?
Kann ich nur unterschreiben. Danke Laura!
Dieser Blog-Beitrag lässt den Eindruck aufkommen, dass Frauen in erster Linie selbst für das Problem verantwortlich sind (Titel), zweitens unterstellt er, dass Frauen nicht mit ihren Männern reden, drittens, dass Männer nicht selbst Verantwortung übernehmen können für ein System, welches sie massgeblich selbst aufgebaut haben, (allenfalls unter Mitwirkung von Frauen). Was ich am Beitrag trotzdem gut finde, ist das Plädoyer für Verständigung.
Danke für Ihren guten Kommentar. Ich meine nicht, dass Frauen für das Problem in erster Linie selbst verantwortlich sind. Ich sage, Frauen müssen ihre Strategie überdenken. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass in der aktuellen Debatte nicht mit, sondern über die Männer gesprochen wird (vgl. den SRF-Club vom vergangenen Dienstag) und das zudem auf einer äusserst theoretischen und absrakten Ebene. Und ja, ich befürchte, dass der Privilegierte grundsätzlich Schwierigkeiten hat, die Probleme der Benachteiligten nachvollziehen zu können. Darin braucht er Unterstützung.
Der #SchweizerAufschrei ist in meinen Augen eine deutliche "Unterstützung" an die Privilegierten, um auf das Problem aufmerksam zu werden. Der Club von letzem Dienstag war vielleicht teilweise abstrakt und theoretisch (ich würde eher sagen: differenziert)... auf Twitter war und ist jedoch ziemlich konkret erkennbar, worum es ging und geht, finde ich. Es freut mich, dass Sie sich differenzierter zum Thema äussern als viele Männer auf Twitter und sonstwo. Ich wünsche mir, dass Sie viele weitere männliche Zeitgenossen mit Ihrer Dialogbereitschaft und dem Willen zur Reflexion anstecken!
Das sehe ich anders. Nicht, dass ich das Problem verkenne, aber der #SchweizerAufschrei wird bei seiner Zielgruppe bestensfalls als Hysterie in die Geschichte eingehen. Eher aber geht er bald vergessen. Die Debatte muss sich entwickeln. Würden wir Gay-Aktivisten uns stur auf den Standpunkt stellen, die Heterosexullen seien privilegiert und sollten darum unsere Welt verbessern, hätten wir heute kein Partnerschaftsgesetz. #SchweizerAufschrei reicht nicht.
Johannes Sieber, mir ist klar, dass der #SchweizerAufschrei nicht genügt. Ich sehe aber auch die Gefahr, dass genau durch dieses Argument (das reicht doch nicht, ihr müsst eure Strategie überdenken), drei Dinge passieren:
- Die Wirkung einer Aktion wie #SchweizerAufschrei wird hinterfragt und dadurch ihre Bedeutung abgeschwächt und sie wird dadurch nicht so ernst genommen, wie sie sollte
- Es wird verkannt, wie viel harte Arbeit Frauen in der Vergangenheit bereits geleistet haben, um patriarchale Machtverhältnisse und Sexismus zu überwinden.
- Die Verantwortung fürs weitere Handeln wird den Frauen zugewiesen.
Privilegien aufzugeben fällt nicht leicht, wie Sie selbst sagen. Wir werden sehen, inwiefern Männer, für welche es etwas Neues ist, nach dem #SchweizerAufschrei bereit sind, mit sich reden zu lassen.
Das, Johannes Sieber, entspricht nicht meiner Meinung. Es geht hier und jetzt - eben - um Sexismus. Und damit spielt das Geschlecht natürlich eine Rolle. Es ist mir völlig klar, dass es noch viele andere Gelegenheiten gibt, benachteiligt zu werden und nicht zum Zuge zu kommen - aber hier geht es darum, dass Frauen benachteiligt werden, weil sie Frauen sind.
Wieso kann man nicht einfach über genau dieses Thema diskutieren - ohne dauernd zu erklären, dass es auch noch andere Themen gibt? Kein Mensch hat je gesagt, dass wegen Sexismus die Welt untergeht oder das einzige Problem dieser Tage ist - wieso muss das Thema dann dauernd relativiert werden?
Für mich ist schon diese allgegenwärtige Diskussions-Verweigerung Grund genug, das Thema ernst zu nehmen. Zuzuhören und nachzudenken. Ohne dauernd zu erklären, dass ich selbst auch ein Armer bin!
Wie Sie aus einem Text, der zum Dialog aufruft, eine Diskussions-Verweigerung herauslesen können, ist mir ein Rätsel. Können Sie das ausführen?